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Soziale Isolation in der Krise

  • Autorenbild: Thorsten Linge
    Thorsten Linge
  • 22. Juni
  • 3 Min. Lesezeit

Warum kein Mann da allein durch muss – und was ich auf dem Weg aus meinem eigenen Burnout gelernt habe.

 

Es gibt einen Moment in fast jeder Krise, über den Männer selten reden. Nicht den großen Zusammenbruch, sondern die Phase davor. Die Zeit, in der du längst spürst, dass etwas nicht mehr stimmt – und trotzdem weitermachst, lächelst, lieferst. In diesem Moment habe ich ziemlich lange gewohnt.

Während meines Burnouts war ich überzeugt, dass ich das mit mir allein ausmachen muss – sofern ich den Gedanken „Burnout“ überhaupt zugelassen habe. So hatte ich es gelernt. Ein Mann regelt das. Ein Mann funktioniert. Und je schlechter es mir ging, desto besser wurde ich darin, nach außen so zu tun, als hätte ich alles im Griff.

 

Wie sich die Visiere öffneten


Das Eigenartige ist: Was mir am Ende geholfen hat, habe ich nicht gesucht. Es ist mir passiert. Mehrfach bin ich in dieser Zeit mit Männern ins Gespräch gekommen, die ich gar nicht kannte. Völlig zufällig, an Orten, die nichts mit Krise oder Therapie zu tun hatten. Und irgendwann fiel ein Satz. Oft nur ein halber – eine Formulierung, ein Tonfall – und man wusste: Der da gegenüber steckt gerade selbst mittendrin.

Dann passierte etwas, das ich vorher nicht für möglich gehalten hätte. Das Gespräch wurde tiefer. Stück für Stück öffneten sich die Visiere. Erst vorsichtig, tastend, beide abwägend, ob der andere wirklich versteht. Dann offener. Bis zu dem Punkt, an dem zwei Männer ungeschützt über das sprachen, was sie sonst niemandem sagen – nicht als Ratgeber und Hilfesuchender, sondern auf Augenhöhe. Zwei, die dasselbe durchmachen.


Dieser Austausch hat befreit. Er hat mir geholfen, mich selbst wieder anzunehmen – und mich nicht länger für einen Versager zu halten, den die Welt aussortiert.

 

Warum das funktioniert hat


Wenn ich heute darauf schaue, war es nicht der gute Rat, der geholfen hat. Ratschläge hatte ich genug. Es war ein einziger Gedanke, den keiner dieser Männer laut aussprechen musste und der trotzdem in jedem Gespräch mitschwang: „Mir geht es genauso.“


Genau das nimmt der Scham den Boden. Solange du glaubst, der Einzige zu sein, der das nicht packt, hältst du dich für defekt. In dem Moment, in dem ein anderer Mann – einer, der nach außen vielleicht stabiler wirkt als du – dasselbe zugibt, kippt etwas. Du bist nicht kaputt. Du bist nicht allein. Du bist einer von vielen, die gerade kämpfen. Diese eine Erkenntnis war für mich der erste echte Schritt aus dem Burnout.

Und es sind viele – man sieht es nur selten, weil wir Männer es so gut verstecken. Rund sieben von zehn Menschen, die in Deutschland durch Suizid sterben, sind Männer; über 7.000 waren es allein im Jahr 2024. Jeder fünfte Mann sagt von sich, er habe keinen einzigen engen Freund. Und während fast die Hälfte der Frauen in einer normalen Woche mit Freunden über Gefühle spricht, ist es bei Männern nur knapp ein Drittel. Das ist keine Schwäche Einzelner. Das ist ein Muster. Wir tragen es mit uns allein aus – und genau das macht es so gefährlich.

 

Was, wenn es nicht dem Zuf

all überlassen bleibt?


Die Sache ließ mich nicht mehr los. Wenn ein zufälliger halber Satz im richtigen Moment einen Mann aus seiner Isolation holen kann – was wäre, wenn man genau dafür einen festen Ort schafft? Keinen Zufall mehr. Sondern einen Raum, in dem dieses Öffnen der Visiere jede Woche stattfinden darf.


Genau das ist daraus geworden. Eine feste Runde. Männer unter Männern. Ein Abend in der Woche, an dem du dazukommen kannst – per Smartphone, vom Sofa aus, wenn du willst unter einem anderen Namen und mit ausgeschalteter Kamera. Niemand muss sich „in der Krise“ nennen, um dabei zu sein. Niemand muss eine Geschichte erzählen, bevor er bereit ist. Es gibt nur ein paar einfache Regeln: Was im Raum gesagt wird, bleibt im Raum. Respekt. Augenhöhe. Und: jeder Mann ist willkommen.

Was dort passiert, ist schwer in einem Satz zu fassen. Es ist kein Vortrag, keine Behandlung, kein Coaching mit erhobenem Zeigefinger. Es ist das, was mir damals zufällig geholfen hat – nur dass es jetzt nicht mehr dem Zufall überlassen bleibt.

Manche Männer waren zwei-, dreimal dabei und haben jedes Mal etwas mitgenommen, das sie vorher nicht hatten. Andere sind geblieben. Aus „wir sitzen im selben Boot“ wurde mit der Zeit echte Freundschaft – auf einer Ebene, die die wenigsten kennen. Beides ist in Ordnung. Es muss nicht groß sein. Es muss nur ehrlich sein.


 

Thorsten J. Linge

Gründer · RE:MAN



Wenn es akut wird und du nicht mehr weiterweißt, warte nicht: Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr, anonym und kostenfrei erreichbar – 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222.

Zahlen: Statistisches Bundesamt (Suizide 2024); Studienlage zu Männerfreundschaften und Einsamkeit (u. a. Einsamkeitsbarometer).

 

 
 
 

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